[Hessen und Drumherum] Als die Landwirtschaft noch auf Handarbeit und Pferdekraft basierte, mussten die Bauern sparsam mit ihrer Arbeitskraft, Energie und Zeit umgehen. In der vorindustriellen Zeit waren das die wichtigsten Faktoren. Jeder Handgriff wurde kalkuliert, weil jede Bewegung Kraft kostete und der Tag nur begrenzt Stunden bot. Pferde ersetzten zwar einen Teil der Last, aber auch sie brauchten Wasser, Futter, Pflege und Erholung.
Inzwischen hat sich das Grundprinzip bäuerlicher Bewirtschaftung grundlegend verschoben. Mit der Mechanisierung wurden Höfe zu Betrieben, in denen Arbeitskraft und Zeit nicht mehr die limitierenden Faktoren sind. Heute bestimmen Fläche, Wirtschaftlichkeit, Bodenfruchtbarkeit und Energie den Rahmen des Handelns. Genau deshalb erzwingt der Klimawandel ein Umdenken: Die knappen Ressourcen haben sich verändert, also muss sich auch die Produktionslogik ändern.
Agroforst ist die logische Konsequenz aus dem beschriebenen Wandel
Das System setzt dort an, wo die moderne Landwirtschaft ihre Engpässe hat: Boden, Wasser, Mikroklima, Biodiversität. Wenn früher Muskelkraft der limitierende Faktor war, ist es heute die ökologische Tragfähigkeit der Fläche. Agroforst dreht dieses Verhältnis wieder in Richtung Sparsamkeit – nicht mit körperlicher Kraft, sondern mit Ressourcen.
Für Hessen bedeutet das eine Rückkehr zu stabileren Strukturen, wie sie früher selbstverständlich waren. Gehölze waren Teil der Landschaft, nicht Dekoration. Bäume stabilisieren den Wasserhaushalt, bremsen Wind, schaffen Schatten, erhöhen die Humusbildung und stärken die ökologische Tragfähigkeit der Fläche. So wird die Bewirtschaftung nicht härter, sondern intelligenter.
Bauernland - Kulturlandschaft in diesem Sommer (c) HESSENMAGAZIN.de
Die jahrzehntelange Ausräumung der Agrarlandschaft hat zu großen, ungeschützten Freiflächen geführt, die Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürre und Starkregen schutzlos ausgeliefert sind. Diese Struktarmut beschleunigt die Bodenerosion, steigert die Verdunstung und führt zu einem Humusverlust, der bisher meist durch den verstärkten Einsatz von künstlichem Dünger kompensiert werden muss.
Durch die gezielte Integration von Gehölzstreifen entlang der Acker- und Weidesysteme wird diese Entwicklung durchbrochen. Bäume und Hecken reduzieren die Windgeschwindigkeit auf den Feldern, was die Verdunstung senkt und Wasser spart. Gleichzeitig verbessern die tiefen Wurzeln die Wasseraufnahmefähigkeit bei Starkregen und verhindern den Abtrag des fruchtbaren Oberbodens. Zudem fördern Gehölze dauerhaft den Humusaufbau durch den Blattfall im Herbst.
Für die besonders von Trockenheit gefährdeten Regionen Hessens wie das Ried oder die Wetterau bieten sich hitzeresistente und tiefwurzelnde Baumarten an. So überzeugen alte heimische Arten wie Speierling, Elsbeere, Edelkastanie und Walnuss, während Robinie, Feldahorn und Hainbuche raschen Schutz gegen Erosion liefern.
Ergänzend können Kornelkirschen oder Wildbirnen und -äpfel auch sehr gut in Kombination mit Tierhaltung genutzt werden. Die Bäume liefern Schatten, Windschutz und Fallobst, das Schafe, Ziegen, Hühner oder Schweine nutzen können. Gleichzeitig bleibt die Fläche Weide und bringt zusätzliche Erträge über die Ernte von Früchten und später das Holz. Außerdem sorgen die Gehölze im Frühjahr für Blüten und dadurch für mehr Insekten und ein stabileres Mikroklima.
Die intelligente Antwort auf Klimastress, Bodenerosion und Ertragsvolatilität
Wer heute ohne Gehölzstrukturen wirtschaftet, verzichtet auf natürliche Puffer, die früher selbstverständlich vorhanden waren.
Zu Zeiten des Klimawandels bringt der Versuch, Effizienz zu steigern nichts mehr. Das Umdenken bedeutet also nicht einfach "Öko", sondern „weniger Risiko“. Agroforst senkt Bewässerungsbedarf, steigert Bodenfruchtbarkeit und schafft zusätzliche Werte: Holz, Früchte, Futter. Flächen "arbeiten" sogar mit Mehrfachnutzen.
Gut zu wissen
Agroforst bedeutet: Die landwirtschaftliche Fläche wird nicht mehr in Acker und Wald getrennt, sondern als integrierter Raum genutzt, in dem Bäume und Kulturpflanzen sich gegenseitig stabilisieren und ergänzen. Dadurch entsteht eine Bewirtschaftungsform, die die klassischen Grenzen zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft nicht nur überbrückt, sondern zusammenbringt.
Agroforst Jetzt!
Ein starker Ruf zur richtigen Zeit! Die Dürresommer der letzten Jahre zeigen überdeutlich, dass das Verwenden von Spritz- und Düngemitteln die fehlende Ökosystem-Struktur nicht mehr ausgleichen kann.
Agroforst ist kein nostalgischer Rückschritt, sondern hochmodernes Risikomanagement für den Ackerbau der Zukunft. Die Initiative läuft seit Winter 2023/24 und hat das Ziel, das System in Deutschland politisch so abzusichern, dass Rechtssicherheit und eine funktionierende Förderung nach GAP‑Direktzahlungsverordnung stehen.
Getragen wird sie von ProjectTogether und einem kleinen Team aus verschiedenen Organisationen, das gemeinsame Fachpositionen erarbeitet und direkt an Politik und Ministerien weitergibt – ohne Verbandsinteressen, mit Fokus auf praktikable Rahmenbedingungen moderner Agroforstsysteme.
Damit daraus kein bürokratischer Papiertiger wird, muss das Thema jedoch Fahrt aufnehmen mit der Garantie, dass Agroforstland Agrarland bleibt.
Da ein Großteil der Landwirtschaftsflächen gepachtet ist, braucht es auch Verträge, die Agroforst-Investitionen über Jahrzehnte hinweg absichern. Und die Gehölzstreifen müssen auf die Breiten moderner Landmaschinen abgestimmt werden, damit die Bewirtschaftung effizient bleibt.
Mehr dazu beim vsr-gewaesserschutz.de <-KLICK sowie dem organisatorischen Ursprung von Agroforst Jetzt!, der gemeinnützige Plattform agroforst.jetzt <-KLICK
Mehr als Naturschutz
Wenn Politik, Beratung und Praxis an einem Strang ziehen, wird aus der Baumreihe auf dem Feld ein wirksames Schutzschild gegen Trockenheit und Erosion.
Quelle Recherche und Zusammenstellung: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de