Die neue Lust auf Landleben: Romantik kontra Beschwerlichkeiten

Sonntag, den 11. August 2013 um 00:00 Uhr Gut zu wissen - Lifestyle
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Weit draußen gute frische Luft tanken (c) HESSENMAGAZIN.de
Weit draußen gute frische Luft tanken (c) HESSENMAGAZIN.de

[Hessen - Deutschland] Es ist ein neuer Trend, der Traum vom schönen Leben auf dem Land. Doch möchte man keineswegs dort als Landwirt arbeiten, sondern eher als "Großgrundbesitzer" nachmittags seinen Tee mit Freunden auf der Terrasse nehmen. Der Tisch ist natürlich herrlich ländlich und stilvoll gedeckt, und es gibt garantiert keine Fliegen - geschweige denn Wespen. Und wenn doch mal ein Schwarm einfliegt, dann deckt die Hausfrau ihre Torte flink mit einer dekorativ bestickten Netzhaube ab.

Friedliche Stille mit grasenden Vieh (c) HESSENMAGAZIN.de
Friedliche Stille mit grasenden Vieh (c) HESSENMAGAZIN.de

Der Blick schweift über die fernen Hügel, in der Ferne muht eine Kuh, im Dorf hört man ein Hofhund bellen. STOP, das ist eine Schulbuch-oder Heimatfilm-Idylle aus den 1950er Jahren! Abgesehen davon, dass der Tierschutzverein heutzutage auf den Plan gerufen würde, wenn ein Hund an der Kette den Hof bewachen müsste, wirkt die Dorfmitte recht ausgestorben, weil alle zur Arbeit gefahren sind. Da regt sich längst kein Hund mehr auf. Durch die Gebietsreform in den 1970er Jahren und die Anlage von Mittelzentren hat man damals dafür gesorgt, dass sich alles auf den nächstgrößeren Ort konzentriert: Schulen, Läden, Verwaltung. Und nur dort finden sich jetzt auch die Jobs.

Hier kann man sich im Garten ausleben (c) HESSENMAGAZIN.de
Hier kann man sich im Garten ausleben (c) HESSENMAGAZIN.de

Wer es sich leisten kann, zu Hause zu bleiben und Ruhe mit viel Grün drumherum haben möchte, träumt von einem weitläufigen Gartenparadies. Auf dem Land kann man sich das leisten, die Grundstückspreise sind noch erschwinglich. Hochglanzmagazine, die zum Thema Landlust anregend beitragen, existieren in großer Anzahl - manche sogar mit Onlineportal plus gut bestücktem Shop. Falls es jemand ernst meint mit der Buddelei, kauft er dort aber keine schicken Gartenschuhe, sondern richtig robuste Gummistiefel im Raiffeisen- oder Baumarkt. Die halten sogar mehrere Jahre Rasenmähen durch.

Herrlich: Blütenduft und Sonnenschein (c) HESSENMAGAZIN.de
Herrlich: Blütenduft und Sonnenschein (c) HESSENMAGAZIN.de

Jedoch die Menschen der Jetztzeit sind eigentlich eher bequem. Obst oder Gemüse anzubauen und zu ernten, einmachen und kochen ist nichts für sie. Lieber holt man sich einen MAC-Burger mit Salatblatt, Zwiebelring und Tomatenscheibchen drauf, wirft nach dem Mahl Pappschachtel und Plastikgäbelchen weg und muss sich nicht ums Geschirrspülen kümmern. So ist das Leben in der Stadt. Zwar nicht romantisch oder etwa gesund, aber dafür kann man gleich danach ins Kino oder in die Disco. Auf dem Land sitzt man mit Freunden nur  im Garten, wartet als junger Mensch ohne Führerschein auf den Bus und soll vielleicht noch den Eltern beim Gießen abends helfen. Gar nicht cool.

Gemütliches Gasthaus auf dem Land (c) HESSENMAGAZIN.de
Gemütliches Gasthaus auf dem Land (c) HESSENMAGAZIN.de

Auch die Esskultur auf dem Land unterscheidet sich von den Gepflogenheiten in der Stadt. Dort hätte eine Gaststätte gegen die Konkurrenz verloren, wenn sie mittags lediglich in der Zeit von 11:30 bis 14:00 Uhr geöffnet hätte. In der "Provinz" fährt der Wirt vor dem Abendessen einkaufen, die Frau räumt derweil auf oder macht die Abrechnung. Meistens werden hierzulande Landgasthäuser als Familienunternehmen geführt. Eine Bedienung oder einen Kellner kann man sich zusätzlich eventuell bei Gesellschaften leisten. Und wenn Oma mal nicht in der Küche mithelfen kann, holt sie wahrscheinlich gerade die Enkel zwei Orte weiter ab.

Mittagessen in der Woche für 7,40 Euro inklusive Getränk (c) HESSENMAGAZIN.de
Mittagessen in der Woche für 7,40 Euro inklusive Getränk (c) HESSENMAGAZIN.de

Es ist nicht nötig, ständig von "Land"- oder "Stadtflucht" zu reden, um damit das so genannte Sommer-Nachrichtenloch der Medien zu stopfen. Der eine mag wohl mehr die Ruhe und Weite - so wie eine Reise an eine stille Küste. Der andere lässt es gerne krachen und fährt im Sommer vielleicht mitten hinein nach Saint-Tropez. Das wird toleriert, keiner schaut auf den anderen herab.

Die Überheblichkeit der Städter den Landbewohnern gegenüber stammt möglicherweise noch aus jener vergangen Zeit, als die Bauern zwar keine Leibeigene mehr waren, aber die Industriearbeiter sich im kapitalistischen System schon eine Gesellschaftsklasse höher wähnten. Darüber saßen Bürgertum, Gelehrte und Regierende auf ihren gepolsterten Stühlen. Und die ließen sich höchstens auf Picknicks im Sommer bei einer Stippvisite aufs Land ein. Ansonsten hatte man seine Parks. In denen wurde flaniert und Tee getrunken. Das war ausreichend erholsam damals. Und abends bracht die Droschke einen wohlbehalten nach Hause. Fast so wie heute ;-)

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